Unter Druck: Der deutsche Mittelstand zwischen Insolvenzwelle, Fachkräftemangel und Bürokratie
Steigende Firmenpleiten, fehlende Fachkräfte, hohe Kosten: Eine ausführliche Bestandsaufnahme der Lage kleiner und mittlerer Unternehmen – auf Basis amtlicher Statistik und Verbandsumfragen.

Foto: EWR150E / Wikimedia Commons, CC0 (gemeinfrei)
Kleine und mittlere Unternehmen bilden das Rückgrat der deutschen Wirtschaft. Nach Definition des Instituts für Mittelstandsforschung Bonn zählen über 99 Prozent aller Unternehmen in Deutschland zum Mittelstand. Seit 2022 hat sich ihr Umfeld spürbar verschlechtert. Diese Bestandsaufnahme stützt sich auf amtliche Daten und große Unternehmensbefragungen.
Steigende Insolvenzen
Nach den Jahren der Pandemie, in denen Hilfsprogramme und eine zeitweise ausgesetzte Insolvenzantragspflicht die Zahl der Pleiten niedrig hielten, stiegen die Unternehmensinsolvenzen deutlich an. Das Statistische Bundesamt meldete für 2023 rund 17.800 beantragte Unternehmensinsolvenzen, ein Plus von gut 22 Prozent gegenüber dem Vorjahr. 2024 stieg die Zahl erneut um mehr als 20 Prozent auf rund 21.800 Fälle. Damit lag sie über dem Vorkrisenniveau von 2019, wenngleich deutlich unter den Höchstständen Anfang der 2000er-Jahre.
Ursachen
Als Ursachen nennen Ökonomen eine Kombination aus gestiegenen Energie- und Materialkosten, höheren Zinsen, schwacher Nachfrage und dem Auslaufen der Pandemiehilfen. Besonders betroffen waren Baugewerbe, Handel und Gastgewerbe sowie Dienstleistungsbranchen.
Fachkräftemangel als Dauerthema
Gleichzeitig suchen viele Betriebe händeringend Personal. Die Engpassanalyse der Bundesagentur für Arbeit weist zahlreiche Berufe aus, in denen Stellen nur schwer zu besetzen sind – von Pflege über Handwerk bis zu IT-Berufen. Das KfW-Mittelstandspanel und die Konjunkturumfragen der DIHK nennen den Fachkräftemangel seit Jahren als eines der größten Geschäftsrisiken.
Nachfolge und Demografie
Hinzu kommt die Nachfolgefrage: KfW Research weist darauf hin, dass ein wachsender Teil der mittelständischen Inhaber das Rentenalter erreicht und viele noch keine Nachfolge geregelt haben. Gelingt die Übergabe nicht, droht die Stilllegung auch wirtschaftlich gesunder Betriebe.
Bürokratie und Politik
In Umfragen der DIHK beklagen Unternehmen regelmäßig die Belastung durch Berichts- und Dokumentationspflichten. Die Politik reagierte unter anderem mit dem Wachstumschancengesetz, das im März 2024 in Kraft trat und steuerliche Entlastungen wie verbesserte Abschreibungsmöglichkeiten vorsieht, sowie mit Bürokratieentlastungsgesetzen. Verbände halten diese Schritte vielfach für nicht ausreichend.
Wo Chancen liegen
Trotz der Belastungen investieren viele Mittelständler in Digitalisierung und Energieeffizienz, um Kosten zu senken und unabhängiger zu werden. Die Konjunkturprogramme für Infrastruktur und Verteidigung können vor allem Zulieferern und dem Bauhandwerk neue Aufträge bringen.
Einordnung
Der Mittelstand steht vor einer Gleichzeitigkeit von konjunkturellen und strukturellen Herausforderungen. Die Zahl der Insolvenzen ist ein Warnsignal, aber kein Beleg für einen flächendeckenden Niedergang. Entscheidend wird sein, ob Kosten, Bürokratie und Fachkräfteversorgung in den kommenden Jahren spürbar verbessert werden. Die zugrunde liegenden Daten finden sich in den verlinkten Quellen.