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Geldpolitik

Die große Zinswende: Wie EZB und Fed die Inflation zähmten – eine Bilanz

Von Negativzinsen zu vier Prozent und zurück: Die geldpolitische Kehrtwende seit 2022 im Überblick, mit allen Etappen und Daten aus den Primärquellen.

Von der Redaktion28. Oktober 20265 Min. Lesezeit

Kaum eine wirtschaftspolitische Entwicklung hat Unternehmen, Sparer und Staaten in den vergangenen Jahren so stark getroffen wie die Zinswende. Nach fast einem Jahrzehnt ultralockerer Geldpolitik erhöhten die Europäische Zentralbank (EZB) und die US-Notenbank Federal Reserve ihre Leitzinsen in einem Tempo, das es seit Jahrzehnten nicht gegeben hatte. Diese Bilanz zeichnet die Etappen anhand der offiziellen Beschlüsse nach.

Ausgangslage: Inflation auf Rekordniveau

Im Euroraum stieg die nach dem harmonisierten Verbraucherpreisindex (HVPI) gemessene Inflation im Oktober 2022 auf 10,6 Prozent – den höchsten Wert seit Einführung der Gemeinschaftswährung, wie Eurostat ausweist. Treiber waren vor allem Energie und Nahrungsmittel nach dem russischen Angriff auf die Ukraine, aber auch Nachholeffekte nach der Pandemie und gestörte Lieferketten.

Die Fed geht voran

Die Federal Reserve begann im März 2022 mit der ersten Zinserhöhung. Es folgten mehrere Schritte von jeweils 75 Basispunkten. Im Juli 2023 erreichte das Zielband für die Federal Funds Rate 5,25 bis 5,50 Prozent und blieb dort über ein Jahr. Im September 2024 senkte die Fed erstmals wieder, und zwar gleich um 50 Basispunkte; bis Dezember 2024 lag das Band nach weiteren Schritten bei 4,25 bis 4,50 Prozent.

Die EZB beendet die Negativzinsen

Die EZB hob ihre Leitzinsen im Juli 2022 erstmals seit elf Jahren an und beendete damit die Phase negativer Einlagenzinsen, die seit 2014 bestanden hatte. Im September 2023 erreichte der Einlagesatz – der für die Geldmarktsteuerung maßgebliche Zins – mit 4,00 Prozent seinen Höchststand. Insgesamt hatte der EZB-Rat die Zinsen in zehn aufeinanderfolgenden Sitzungen erhöht.

Im Juni 2024 begann die EZB mit Zinssenkungen. Bis Juni 2025 hatte sie den Einlagesatz schrittweise auf 2,00 Prozent zurückgeführt. Die Notenbank begründete die Lockerung mit dem deutlichen Rückgang der Inflation in Richtung ihres mittelfristigen Ziels von zwei Prozent.

Neben den Zinsen: Bilanzabbau

Parallel zur Zinspolitik verkleinerten beide Notenbanken ihre Bilanzen. Die EZB stellte die Wiederanlage auslaufender Anleihen aus dem Programm APP ab Juli 2023 ein und reduzierte auch die Reinvestitionen aus dem Pandemieprogramm PEPP, die Ende 2024 ganz ausliefen. Die Fed ließ ebenfalls Anleihen in festgelegtem Umfang auslaufen („Quantitative Tightening“).

Was die Wende für Unternehmen bedeutete

Für Unternehmen verteuerten sich Kredite spürbar. Die Deutsche Bundesbank dokumentiert in ihren Monatsberichten den deutlichen Anstieg der Zinsen für neue Unternehmenskredite seit 2022 und eine merklich schwächere Kreditnachfrage, insbesondere für Investitionen. Besonders stark betroffen war die Immobilien- und Baubranche, in der Finanzierungskosten einen großen Teil der Kalkulation ausmachen.

Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) hat in ihren Jahresberichten darauf hingewiesen, dass die Straffung weltweit synchron und ungewöhnlich schnell erfolgte. Dass die Inflation sank, ohne dass es in den großen Volkswirtschaften zu einer tiefen Rezession kam, wurde vielfach als „weiche Landung“ beschrieben – wobei Deutschland mit zwei Jahren leicht schrumpfender Wirtschaftsleistung eine Ausnahme bildete.

Einordnung

Die Zinswende zeigt, wie stark Geldpolitik mit Verzögerung wirkt: Die Effekte auf Kreditvergabe, Investitionen und Immobilienpreise zeigten sich teils erst Quartale nach den Beschlüssen. Für Entscheider bleibt die Lehre, Finanzierungsstrukturen nicht auf dauerhaft niedrige Zinsen auszurichten. Alle hier genannten Daten lassen sich in den unten verlinkten Primärquellen nachprüfen.