Vier Jahre nach dem Gasschock: Wie Deutschland seine Energieversorgung umbaute
LNG-Terminals, Speicherpflichten, Preisbremsen und Atomausstieg: Eine ausführliche Rekonstruktion der deutschen Energiepolitik seit 2022.

Bis 2022 bezog Deutschland einen großen Teil seines Erdgases aus Russland – nach Angaben der Bundesregierung rund 55 Prozent im Jahr 2021. Der russische Angriff auf die Ukraine machte diese Abhängigkeit binnen weniger Monate zum zentralen wirtschaftspolitischen Risiko. Diese Analyse rekonstruiert, welche Maßnahmen ergriffen wurden und was sie bewirkt haben.
Der Lieferstopp
Ab Juni 2022 reduzierte Russland die Lieferungen durch die Pipeline Nord Stream 1 schrittweise; Ende August 2022 kamen sie ganz zum Erliegen. Am 26. September 2022 wurden an den Pipelines Nord Stream 1 und 2 Lecks nach Explosionen festgestellt. Die Bundesregierung hatte bereits im März 2022 die Frühwarnstufe und im Juni 2022 die Alarmstufe des Notfallplans Gas ausgerufen.
Speicher als Puffer
Mit dem Gasspeichergesetz, das im April 2022 in Kraft trat, wurden Mindestfüllstände für die deutschen Gasspeicher gesetzlich vorgeschrieben. Die Bundesnetzagentur veröffentlicht seitdem laufend die Füllstände. Im Herbst 2022 wurden die Zielmarken früher als geplant erreicht, was maßgeblich zur Versorgungssicherheit im ersten Winter beitrug.
LNG in Rekordzeit
Um Pipelinegas zu ersetzen, setzte die Bundesregierung auf verflüssigtes Erdgas (LNG). Das LNG-Beschleunigungsgesetz verkürzte Genehmigungsverfahren erheblich. Im Dezember 2022 wurde in Wilhelmshaven das erste schwimmende LNG-Terminal Deutschlands in Betrieb genommen, weitere Standorte folgten. Gleichzeitig stiegen die Importe über Pipelines aus Norwegen, den Niederlanden und Belgien.
Preisbremsen und Entlastungen
Weil Großhandelspreise für Gas und Strom 2022 auf historische Höchststände stiegen, beschloss der Bundestag Gas-, Wärme- und Strompreisbremsen, die für 2023 galten. Sie deckelten den Preis für einen Großteil des Verbrauchs von Haushalten und Unternehmen. Finanziert wurden sie über den Wirtschaftsstabilisierungsfonds, der mit bis zu 200 Milliarden Euro ausgestattet wurde.
Atomausstieg trotz Krise
Nach einem kurzen Streckbetrieb gingen am 15. April 2023 die letzten drei deutschen Kernkraftwerke – Isar 2, Emsland und Neckarwestheim 2 – vom Netz. Die Entscheidung blieb politisch umstritten. Den Ausbau von Wind- und Solarenergie beschleunigte die Bundesregierung parallel mit mehreren Gesetzespaketen.
Europäische Dimension
Auf EU-Ebene legte die Kommission im Mai 2022 den Plan REPowerEU vor, der Energieeinsparungen, eine Diversifizierung der Lieferquellen und den beschleunigten Ausbau erneuerbarer Energien vorsieht. Die Internationale Energieagentur dokumentiert in ihren Gasmarktberichten, wie stark sich Europas Bezugsstruktur seitdem in Richtung LNG verschoben hat.
Folgen für die Industrie
Für energieintensive Branchen – Chemie, Metall, Glas, Papier – waren die Kosten besonders belastend. Das Statistische Bundesamt verzeichnete 2022 und 2023 deutliche Produktionsrückgänge in den energieintensiven Industriezweigen. Einige Unternehmen haben Kapazitäten in Deutschland dauerhaft verringert.
Einordnung
Der befürchtete Gasmangel ist ausgeblieben, doch zu höheren Kosten als vor 2022. Die Versorgung ist heute breiter aufgestellt, gleichzeitig bleibt die Frage nach wettbewerbsfähigen Energiepreisen für den Industriestandort offen. Die Quellen zu allen Daten sind unten aufgeführt.